Die Geschwindigkeit steckt im Detail

Bringt dich ein um 10 mm höherer Lenker näher an das gelbe Trikot? Wie viel schneller wird man durch mehr Beweglichkeit in den Hüften? Wie viele Watt gewinnt man, wenn man für die aggressivste Sitzposition die Schultern einzieht? Wenn man den besten Luftwiderstandskoeffizienten für ein Bike und seinen Fahrer gefunden hat, gibt es dann ein Geheimnis, diesen über die gesamte Dauer einer dreiwöchigen Tour beizubehalten?

Es ist kompliziert. Aber alles beginnt mit der Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Als Stifu Christ, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von BMC, über die Strasse in Richtung des Tissot Velodroms und dem erwartungsvollen AG2R CITROËN Team geht, ist er bereit, zu reflektieren und Unmengen an Daten von einem Bike und einem erstklassigen Team von Radsportlern zu sammeln. Eine ganze Gruppe von Experten hat sich vor Ort versammelt, um die Technologie zu verbessern, zu evaluieren und zu experimentieren, mit dem grossen Ziel der Optimierung und Verbesserung vor Augen. Willkommen in der Welt der Grand Tour, willkommen an der Spitze des Radsports.

“In diesem Jahr befinde ich mich in einer anderen Ausgangslage; ich kann das Spiel jetzt anders spielen. Es ist, als ob man plötzlich im Finale der ersten Liga steht, obwohl man es nicht wirklich erwartet hat. Es ist ein bisschen verrückt, aber genau darum geht es bei einem Profisportler.” – Ben O’Connor, AG2R CITROËN Team Rider

Als Radsportfans haben wir es alle schon einmal gesehen, aber vielleicht ist uns die Bedeutung dessen, was sich auf diesen wichtigen letzten Metern abspielt, nicht bewusst. Zwei gleichstarke Fahrer liegen nach 20 Renntagen bei dem entscheidenden Zeitfahren Kopf an Kopf. Während der eine Fahrer stoisch wie eine Maschine fährt, zeigt der andere vollen Körpereinsatz auf dem Bike und gibt offensichtlich alles - doch die Zwischenzeiten sprechen eine andere Sprache.

Die Erschöpfung macht sich bemerkbar und die Führung ist gefährdet. Bei einer Grand Tour entscheiden Sekundenbruchteile über Sieg oder Niederlage - und, falls du es noch nicht wusstest, diese Sekundenbruchteile können durch ein paar Millimeter im Cockpit, eine bessere Beweglichkeit der Hüftbeuger und ein paar Kilometer mehr Training in einer Sitzposition gewonnen werden.

Die für das Zeitfahren charakteristischen, intensiven Belastungen sind etwas, an das sich ein Fahrer gewöhnen muss. Deshalb reiste das AG2R CITROËN Team ins Tissot Velodrome, um mit den besten Köpfen der Branche zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass ihre besten Fahrer auch bei grosser Erschöpfung die beste Leistung abliefern können.

An zwei langen Testtagen werden Ben, Aurelian, Dorian, Nans, Clément und Clément vom AG2R CITROËN Team zwischen der Strecke aus sibirischem Fichtenholz und ihrem Trainer hin- und hergeschickt, um ihre Positionen zu überprüfen, zu testen und zu optimieren. Sie werden für die Datenerfassung mit zwei Messgeräten (IMUs) am Oberkörper und am Sakrum sowie mit Sensoren zur Messung von Geschwindigkeit, Leistung und Trittfrequenz verkabelt.

Die Strecke wurde in ein regelrechtes Forschungslabor verwandelt, in dem Computer am Streckenrand die aktuellen CDA-Werte berechnen. Beim CDA handelt es sich um den Luftwiderstand in Verbindung mit der Stirnfläche, wodurch im Wesentlichen die Aerodynamik des Fahrers ermittelt wird, die durch die Geometrie der Strecke, die Luftdichte, die Geschwindigkeit des Fahrers, die Grösse des Laufrads und die aktuelle Leistung bestimmt wird.

Ein Drucksensor von Gebiomized befindet sich am Sattel und einer in den Schuhen. “Unser Ansatz integriert die Stabilität des Fahrers, und damit seinen Komfort, mit der Aerodynamik”, erklärt Daniel Schade, Gründer und CEO von Gebiomized, dem Spezialisten für Bike-Fitting, auf den sich so viele in der World Tour verlassen haben. “Aggressive Positionen funktionieren oft in den ersten 15-20 Minuten eines Rennens, aber man verliert viel, wenn Instabilität ins Spiel kommt. Da der Fahrer die grösste Angriffsfläche für den Luftwiderstand darstellt, besteht der grösste Vorteil darin, die Sitzposition des Fahrers zu verbessern - entscheidend ist jedoch, eine Position zu finden, die über einen längeren Zeitraum gehalten werden kann.”

Dies führt zu einer Position, die nicht nur schnell, sondern vor allem auch nachhaltig ist.

Und ein grosser Teil dieser Nachhaltigkeit hängt von der Biomechanik des Fahrers ab. Die Beweglichkeit wird unter die Lupe genommen und auf Defizite hin untersucht, bevor man mit dem Trainer überprüft, wie sich diese Defizite in der Körperhaltung bemerkbar machen.

“Mit Hilfe dieser Tests können wir das Verbesserungspotenzial der Biomechanik ermitteln oder feststellen, wo die Person möglicherweise anatomische Einschränkungen hat. Auf dieser Grundlage bauen wir dann eine Position auf. Wo noch Potenzial vorhanden ist, geben wir ihnen entsprechende Hausaufgaben mit. Die entscheidende Frage ist, ob der Anpassungsprozess schwer, einfach oder aufgrund der Anatomie gar unmöglich ist”, erklärt Jan Neuhaus, der verantwortliche Biomechaniker.

Abgesehen von der Anatomie, die aggressive Positionen verhindert, erinnert uns Stifu Christ daran, dass es noch weitere Faktoren gibt, die einschränken: “Beim Bike-Fitting ist man auch durch die Regeln der UCI eingeschränkt - jeder arbeitet an der Grenze des Erlaubten, aber der Spielraum ist begrenzt.”

Dieser erfahrene Entwickler ist für unsere schnellsten Designs verantwortlich und weiss genau, worauf BMCs Aufmerksamkeit gerichtet werden muss, um Geschwindigkeit zu generieren:

“Zeitfahren ist die Königsdisziplin und es gibt viele Besonderheiten beim Radfahren bei hoher Geschwindigkeit.”

Je mehr Einstellmöglichkeiten ein BMC-Bike besitzt, desto besser. Es geht darum, den Mechanikern die Funktionen zu vermitteln und nicht nur darum, einen Fahrer in eine Aero-Position zu zwingen.

Stifu ist derselben Meinung: “Es kommt auf das Vertrauen beim Handling an, und darauf legen wir unser Augenmerk. Bei Durchschnittsgeschwindigkeiten von 60 km/h in der Ebene und starkem Seitenwind haben viele Fahrer Probleme, ihre Position zu halten, weil sie unsicher sind. Wir tun alles Mögliche, damit sie sich in ihrer Aero-Position sicherer fühlen.”

Bei der heutigen Zusammenarbeit geht es darum, den Grundstein für Geschwindigkeit zu legen und neue Methoden anzuwenden, um den CDA eines Fahrers nachhaltiger zu machen. Gebiomized freut sich, an diesem Projekt des AG2R CITROËN Teams in Grenchen beteiligt zu sein: “Was wir hier sehen, ist ein Hersteller, der sich wirklich darum kümmert, wie man das Bike noch besser anpassen kann; wie man den Fahrern helfen kann, individuellere Positionen zu finden und wie man es für den Fahrer komfortabler macht, um letztendlich schneller zu sein.”

Daniel und sein Team konzentrieren sich auf die Biomechanik und Aerodynamik, um die optimale Position zu finden. Die Bereitschaft des Herstellers (und die Aufgeschlossenheit der Fahrer) für individuelle Anpassungen sorgen dafür, dass sich alle auf das gleiche Ziel konzentrieren können. Kein Fahrer ist wie der andere, wie Daniel betont: “Es ist ein wirklich grosser Schritt nach vorne, wenn ein Fahrradhersteller sagt: 'Es ist wichtig, dass unser Cockpit verstellbar ist und dass ein TT-Bike viele Möglichkeiten bietet', damit Menschen wie wir Einstellungen so optimieren können, dass sie dem einzelnen Fahrer helfen.”

Durch das Zusammenspiel von Wissen und Technologien verlassen die Profis das Tissot Velodrom und das BMC-Hauptquartier besser gewappnet, optimiert und - ganz entscheidend - schneller. Die Geschwindigkeit liegt wirklich im Detail und das AG2R CITROËN Team ist bereit für eine weitere intensive Rennsaison.

Erfahre mehr über die Geschehnisse im Tissot Velodrome und höre dir unbedingt unseren neuesten Podcast an. Den Link findest du weiter unten.