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Ein guter Grund zum Fahren

Der GranGuanche Report

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem die Stützräder von meinem ersten Fahrrad abmontiert wurden. Plötzlich eröffnete sich eine neue Welt für mich. Aus Wheelies und Jumps mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft wurden zehn Jahre Downhill-Rennen in ganz Europa. Es ging nur darum, Spass zu haben, und die Berge waren ein Spielplatz ohne Grenzen.

Meine Beziehung zum Fahrradfahren begann sich zu entwickeln. Ich entdecke Endurance für mich und erkundete neue Gegenden. Doch Anfang 2020 änderte sich alles. Als Physiotherapeut für Atemwegserkrankungen, der in einem Krankenhaus arbeitet, erlebte ich COVID plötzlich an vorderster Front. Die Arbeitsbedingungen für alle im Gesundheitswesen waren aufgrund der hohen Zahl an Infizierten und des Mangels an Fachkräften extrem schwierig. Nachdem ich Tag und Nacht an den Betten von Patient:innen mit schwersten Verläufen verbracht hatte, musste ich mich von der täglichen Tragik ablenken. Radfahren war ein wichtiges Instrument, um den Stress abzubauen, der sich in diesen langen Arbeitswochen angesammelt hatte. Auf dem Rad habe ich endlich den Kopf frei bekommen und konnte mich um mich selbst kümmern. Im Juni 2020 unternahm ich mein erstes Bike-Packing-Abenteuer und war sofort vom Freiheitsgefühl überwältigt.

Lange Tage auf dem Sattel sind eine Form der Meditation und der Selbstfindung. Man ist zutiefst mit sich selbst und seiner Umwelt verbunden, vergisst die Sorgen des Alltags. Das ist die Essenz des Lebens. Man isst, schläft, und bewegt sich weiter. Ich wurde eins mit der Natur um mich herum. Das war es, was ich am meisten brauchte, wenn ich nicht gerade im Krankenhaus arbeitete.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich für das erste Ultra-Distanz-Rennen angemeldet habe. Und eins hat mich sofort in seinen Bann gezogen. GranGuanche Audax Road ist ein Bike-Packing-Event quer über die Kanarischen Inseln – von einer Fähre zur nächsten. Es ist mehr als nur ein Rennen, es ist ein ästhetisches und poetisches Abenteuer in einer Welt, die aus endlosen malerischen Strassen, leeren Wüsten, schwarzen Lavafeldern, schwülen Regenwäldern und hohen Bergen besteht. Das Ziel ist es, die 600 Kilometer und 14.000 Höhenmeter in weniger als 40 Stunden zu bewältigen. Aber es steckt noch mehr dahinter. Das Audax Road wird zu einer physischen und mentalen Herausforderung, bei der die Teilnehmer:innen gezwungen sind, schnell genug zu fahren, um rechtzeitig die nächste Fähre zu erwischen und die nächste Insel zu erreichen – vier Ziellinien in einem Rennen.

Der Startschuss für das Rennen fiel um 5 Uhr morgens in dem kleinen Fischerdorf Orzola auf Lanzarote. Schnell bildete sich eine kleine Gruppe, und die ersten Sonnenstrahlen begrüssten uns auf dem Lavafeld von Timanfaya. Die meisten Teilnehmer:innen trafen sich auf der ersten Fähre nach Fuerteventura wieder. Hier konnten wir vor einer langen Nacht quer über Gran Canaria noch etwas Sonne tanken. Leider hatte die letzte lange Arbeitswoche ihre Spuren hinterlassen. Bei der Abfahrt des Pico de las Nieves musste ich hart kämpfen, um nicht einzuschlafen. Keine idealen Voraussetzungen.

Ultracycling ist eine Achterbahn der Gefühle. Man durchlebt die schlimmsten Tiefpunkte und erfährt ungeahnte Höhen. Es hat mich gelehrt, niemals aufzugeben, egal wie schwer es ist. Denn selbst nach der dunkelsten Nacht geht irgendwann die Sonne wieder auf. Man lernt, die schwierigen Momente zu ertragen, weil man weiss, dass sie nicht ewig dauern werden. Das Gleiche gilt für die heutige Zeit. Nach zwei Jahren der Pandemie scheint es, als ob es endlich ein Licht am Ende des Tunnels gibt. All die Anstrengungen, die wir unternommen haben, und die Opfer, die wir gebracht haben, haben sich gelohnt.

Als wir uns an der ersten Fähre nach Teneriffa versammelten, fand ich zurück zu meiner alten Stärke. Wir rasten über die Insel, denn der Wetterbericht hatte für den Nachmittag starken Wind und Schnee auf dem Monte Teide angekündigt. Die Aussicht vom Gipfel war atemberaubend. Die nachfolgenden Fahrer:innen hatten weniger Glück und gerieten in den Sturm. Manchmal hat der Schnellere eben doch unfaire Vorteile, aber am Ende ist alles reine Glückssache.

Als wir auf La Gomera ankamen, war das Ende in Sicht. Obwohl wir noch einmal alles gaben, war die Insel einfach zu schön, um sich nicht die Zeit zu nehmen, den letzten Sonnenuntergang dieses Abenteuers zu geniessen. Am frühen Abend versammelten wir uns in San Sebastian. Diesmal nicht, um die nächste Fähre zu erwischen, sondern um dieses unvergessliche Abenteuer mit einem guten Essen (und ein paar Bierchen) zu würdigen. Bike-Packing-Events geben einem die Möglichkeit, neue Freundschaften mit Gleichgesinnten zu schliessen und sich bewusst zu machen, dass wir alle aus einem anderen Grund zum Ultracycling gekommen sind... Für uns alle gibt es einen guten Grund Fahrrad zu fahren.

In diesen 38 Stunden habe ich meine Realität und meine Geschichte völlig vergessen. Die vergangenen zwei Jahre Arbeit im Krankenhaus rückten in den Hintergrund. Ich habe neue Kraft getankt und bin bereit, mich wieder an die Arbeit zu machen. Ich bin bereit, wieder mein Bestes zu geben. Und du kannst es dir wahrscheinlich denken... das nächste Abenteuer ist bereits in Planung.